» AUFATMEN  » Magensäure und sonstige Spannungen 

Heute Nacht war es mal wieder so weit: Ich verzichte gerade auf meine Magentabletten, um mir langfristig gut zu tun. Aber dummerweise hatte ich mal wieder zu spät (naja …) und zu viel Gutes (ach ja …) gegessen. Und dann schlug die Magensäure zu – und ich musste eines dieser unsäglichen Schleimpäckchen schlucken …

Ist Essen Sünde? Ist Appetit Sünde?

Was für eine Frage! Natürlich Nein! Oder auch Ja – wenn man zu spät oder zu viel isst, dann schädigt das. Wissen wir ja. Tun es meist aber trotzdem. Es sei denn, unsere nächtlichen Lehrstunden bekehren uns nach und nach. Oder auch wieder Nein: Wie kann etwas, das als Hunger und Appetit und körperliche Notwendigkeit in uns angelegt ist – und so wunderbar vielfältig und kreativ beantwortet werden kann –, Sünde sein? Hat Gott sich doch offensichtlich mit allen Haupt- und Nebenwirkungen so ausgedacht! Und uns zugemutet. Oder gegönnt. Jedenfalls verordnet. So läuft‘s halt: Wir haben Appetit und Hunger – und dürfen uns lust- und phantasievoll befriedigen.

So weit, so unwichtig. Zumindest, wenn man christliche Veröffentlichungen durchforstet: Ich habe kaum etwas über die Frage gefunden, ob Essen oder Appetit Sünde ist. Und wie man dagegen ankämpfen kann – etwa mit – etwa mit einer Blockade-Software gegen „Chefkoch.de“ oder sowas.

anz anders sieht es dagegen beim Thema Selbstbefriedigung aus – der „Männer-(oder Menschen-)Hunger“ und Appetit. Ist Selbstbefriedigung Sünde?

Was für eine Frage! Natürlich Ja. Oder auch Nein – wenn es schlechter oder dümmer ist, es nicht zu tun. Und kein Schaden eintritt. Wir wissen da manches – aber dieses Thema ist trotzdem ein riesiges Bermuda-Dreieck voller Scham, Selbstverurteilung und Schuldgefühle und nimmt unter (männlichen?) Christen einen allerhöchsten Thron-Platz ein, der ihm nicht zukommt. Warum bloß? Ganz offensichtlich funktioniert Sexualität doch ganz ähnlich wie das Thema Essen und Appetit: Gott hat uns so angelegt, wir werden regelmäßig hungrig – und dürfen wunderbar vielfältig, kreativ und lustvoll darauf antworten. Unglaublich, wie komplex, kreativ und umfassend die Ausstattung ist, die Gott uns da zur Verfügung gestellt hat. Man könnte glatt denken, er habe uns damit überfordert – dieses Thema ist einfach zu verlockend, machtvoll und tiefgehend, um es völlig zu beherrschen. So wie das Essen. Und der Appetit. Mit dem werden wir ja auch nicht so leicht fertig. Zum Beispiel, wenn nichts zu essen da ist – und die Welt nicht teilen will. Oder wenn ich mit meinem Appetit nicht klarkomme – oder meinem Stress, meiner Einsamkeit, Trauer oder Last, die ich mit dem Essen beantworten will.

Wie großartig sich Gott das ausgedacht hat: In uns wächst der Hunger oder Appetit – und wir dürfen ihn mit unserem geliebten Partner befriedigen (und am Ende können sogar noch wunderbare Kinder-Geschenke dabei entstehen!). Tolle Einrichtung! Nur: Was mache ich eigentlich, wenn ich keinen Partner habe? Oder der gerade mal nicht will? Dann brüllt der Hunger und Appetit – und der Tiger läuft unruhig in seinem Käfig herum. Und darf nicht raus … Wie geht man damit gut um? Tja, sagt der Theologe, genau das macht unser Menschsein aus: Wir können verzichten, können Nein sagen. Und wenn wir trotzdem Ja sagen? Bleibt die Selbstbefriedigung. Die Sünde ist. Oder auch nicht.

Ich merke: Unser spezifisches christliches Biotop ist extrem auf die Fragestellung „Falsch oder Richtig?“ gepolt. Besonders bei Themen rund um die Sexualität. Aber ähnlich wie beim Essen (das uns in der Regel als Sünden-Thema nicht interessiert, aber in seiner Dynamik ganz ähnlich läuft …) gibt es Themen, die sich nicht ausreichend über das „Falsch-Richtig-Schema“ erschließen. Wo uns die schuld- und schambelastete Vernabelung an der Frage „Sünde oder nicht?“ eher nicht zur Freiheit führt, sondern in eine ungesunde Selbstbeschäftigung.

Hilfreicher im Umgang mit solchen Spannungsfeldern des Lebens scheint mir die Wahl zwischen „Besser“ und „Schlechter“ – auch das sind ja sinnvolle ethische Kategorien. Wir sind geliebte Geschöpfe in einem Schöpfungsrahmen, der nicht gefahrenfrei zu bewältigen ist. Viele unserer Lebensthemen bewegen sich zwischen kraftvollen Spannungspolen, die wir nicht einfach abschaffen oder auflösen können.

Ich bin sicher: Ein Leben des Kampfes gegen Essen oder Selbstbefriedigung ist nicht das, was Gott sich vorgestellt hat. Trotzdem hat er uns diese lustvollen Zumutungen mitgegeben und weiß, dass sie in einer gefallenen Welt nicht einfach zu „handlen“ sind. Oft ist das Maß, die Situation, die Zeit ein wichtiger Hinweis, was gerade besser und schlechter ist. Wer sich mit Selbstbefriedigung in süchtige Muster hinein schraubt oder auf Dauer seinem Partner entzieht, der ist auf keinem guten Weg. Aber es kann durchaus besser und richtiger sein, sich Entspannung zu verschaffen als sich in Lust und Begehren zu verzehren.

Wir alle wollen gern die besseren Wege wählen und erkennen – und schaffen es hier oder da nur schwer (besonders bei unseren Lieblingssünden und Spannungsfeldern …). Gott ist der Letzte, der sich darüber wundert – oder davon abhalten lässt, uns umfassend zu lieben. Auf dem Thron unseres Lebens sitzt ja nicht Sündenvermeidung oder Selbsterlösung, sondern ein liebender Vater. Wir dürfen mit Zuversicht aus der Zusage Gottes leben, dass „wenn unser Herz uns verurteilt, Gott größer ist als unser Herz und alles weiß“ (1. Joh 3,20). Gott hat große Spannungsfelder in uns angelegt – und jeder kämpft auf seine Weise damit. Eben deswegen ist seine Gnade jeden Morgen neu – und es ist keine „billige Gnade“, sich darauf von Herzen zu verlassen.

Viel Freude an diesem Heft!

Ihr Ulrich Eggers

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