» AUFATMEN  » Zeugnis-Kraft 

Ich sitze am Schreibtisch und sinne dieser Begegnung nach. Versuche in Worte zu fassen, warum ich so ermutigt bin. Was hat mein Herz so geöffnet, meinen Geist so beflügelt – was hat mich so inspiriert? Und – was will ich hier eigentlich sagen? Es geht um die Begegnung mit Bruce Clewett, die meine Frau und ich auf Seite 76 beschreiben – eigentlich nur ein Hintergrundgespräch, ein typischer Verleger-Termin: Netzwerkbau, die geistliche Situation verstehen.

Vielleicht war es die positive Erwartungslosigkeit, die uns füreinander geöffnet hat. Vielleicht war es einfach ein „God-Date“, eine Herz-zu-Herz-Kommunikation. Was auch immer: Ich staune nachhaltig über die Kraft eines Lebenszeugnisses. Da ist ein Amerikaner, der als junger Mann nach Österreich gekommen ist – und hier sein ganzes Leben für Jesus eingesetzt hat. Der durchgehalten hat über Berg und Tal. Und bei dem ich jetzt die Frucht dieser Treue sehe. Ein reifes Leben – nicht leicht, nicht unangefochten. Aber gerade im Rückblick ein Glaubens-Marathon, der einfach Mut macht.

Es geht mir hier nicht um Bruce – über ihn kann man weiter hinten lesen. Es geht mir um die Kraft und Funktion eines Lebens-Zeugnisses. Um die unglaubliche Ermutigung, die es uns geben kann, mit Reife und Offenheit voneinander zu hören. Von unseren Kämpfen, unserer Treue, unserem Versagen. Von unseren Ambitionen, vom Wollen des Guten, von Rückschlägen und Anfechtungen. Dankbar Bilanz zu ziehen, Gottes Spuren zu entdecken. Man hört voneinander – und das Herz geht einem auf unter diesem Zeugnis. Man ist ermutigt, zurechtgerückt, bestätigt, erkennt sich im anderen, lernt. Man betet füreinander, gönnt sich das Beste, fiebert mit und freut sich.

Die Bibel spricht von der „Wolke der Zeugen“ (Hebr 12,1), die uns ermutigt, unser Rennen mit Geduld zu laufen und durchzuhalten. In 1.Thess 5,11 heißt es, dass wir einander aufbauen und ermahnen sollen. Und so war diese Begegnung für mich: Es ging Kraft von ihr aus. Und ich glaube, so hat Jesus sich Ermutigung vorgestellt. Ehrlich zu teilen, dass es nach Krisen weitergeht. Dass Suchphasen und Enttäuschungen zum Leben gehören. Und in all dem deutlich zu erkennen, dass es so etwas gibt wie die Langzeit-Frucht eines Lebens. Dass es sich lohnt, durchzuhalten und treu zu bleiben. In Freud und Leid. Mit offenen Fragen und unerfüllten Gebeten. Nachfolgen.

Die Kraft eines Lebens-Zeugnisses. Offen und ungeschminkt erzählt. Warum ist es mir so wichtig, davon zu schreiben? Wissen wir das denn nicht?

Ich merke im frommen Betrieb – egal, ob in Gremien, einer frommen Firma oder der Gemeindearbeit –, dass wir uns solch ein kostbares Zeugnis unseres Weges mit Jesus durchaus vorenthalten können. Es gibt ja selten Zeit und Ort dafür. Vielleicht sind wir auch manchmal befangen in allzu vertrauten Strukturen, meinen, einander schon zu gut zu kennen, haben uns aneinander verbraucht, können uns nicht mehr hören. Oder wollen Zeugnis-Kraft nicht verletzt werden in dem, was uns kostbar ist. Und so leben wir in tätiger Routine und wagen kein offenes Wort.

Deswegen mein Appell: Enthaltet euch einander nicht vor! Findet Zeiten, Orte, Menschen, mit denen ihr jenseits der Tagesordnung persönlich werdet. Fragt einfach mal, hört einfach mal hin! Überschreitet die professionelle Agenda, das fromme Plätschern, die Außenseite der Dinge! Redet nicht über andere oder über irgendwelche Themen oder Konflikte – sondern über die Innenseite. Über Jesus – und was er mit eurem Leben macht. Oder eben nicht gemacht hat – und wie wir mit dem Schmerz umgehen, mit den Fragen …

Und dabei geht es nicht nur ums Hören, sondern auch darum, selbst zu erzählen. Die eigene Geschichte in ihrer Verwobenheit mit Gottes Wegen zu schildern und zu deuten. Darin die Augen geöffnet zu bekommen für Gottes roten Faden in meinen Jahrzehnten. Dankbar zu werden. Mit Dankbarkeit und Freude zu teilen.

Unser offenes Lebenszeugnis hat Kraft! Wir kämpfen in ihm gegen das Unsichtbare (oder auf den ersten Blick nicht zu Sehende): Ja, Gott ist wirklich da! In dem, was ich gerade vom anderen höre (oder selbst erzähle …) kann ich seine Spuren entdecken und (mich) ermutigen.

Ein Lebenszeugnis hat Kraft gegen das Banale: Im Rückblick merken wir, wie oft „kleine“, richtige Entscheidungen mein Leben bestimmen – und wie sehr es darauf ankommt, um das Richtige zu ringen, in Kleinem (und Großem!) treu zu sein.

Ein Zeugnis hat Kraft gegen unsere Ungeduld: Wir wollen schnellen Erfolg und prompte Antworten. Wollen Glanz und Großes – und erkennen oft erst im Rückblick über die Langstrecke, wie sich Gott in unserem Leben einschreibt, wie Geduld und Ausdauer Frucht bringen.

Ein Lebenszeugnis formt unseren Charakter: Wir hören voneinander, dass es darauf ankommt, dass unser Kampf lohnt, dass es – jetzt und hier und immer … – darum geht, Jesus zu vertrauen, das Vertrauen nicht wegzuwerfen (Hebr. 10,35).

Bei Bruce Clewett habe ich etwas davon gesehen, wie Gott mit mir und durch mich und trotz mir zum Zuge kommt. Dass Ausdauer, Beharrlichkeit und Geduld lohnen. Er ist für mich zu einem wunderbaren Beispiel von dem geworden, was Eugene Peterson den „langen Gehorsam in die richtige Richtung“ nennt. Frucht auf der Langstrecke – das Geheimnis der still wachsenden Saat, die irgendwann Frucht bringt.

Wir brauchen diese Vorbilder und Zeugnisse. Wir brauchen die Ermutigung, dass Gott auch durch unsere Umund Irrwege seinen Weg mit uns geht. Entdecken wir Gott in unseren Leben! Teilen wir den Schatz, der in solchen Lebenszeugnissen liegt! Enthalten wir uns einander nicht vor! Viel Freude an diesem Heft, Ulrich Eggers

Viel Freude an diesem Heft!

Ihr Ulrich Eggers

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